Liebe – Eine Frage der Haltung?

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Liebe als Haltung

Ja, die Liebe ist sehr präsent und wichtig in unserem Leben. Wir hören Lieder und schauen Filme über glückliche oder unglückliche Liebesgeschichten. Wir lieben Lebensmittel. Wir lieben Menschen. Und wir lieben Fußballvereine. Liebe ist nicht nur ein großes Gefühl, wenn wir uns in einen anderen Menschen verlieben. Sie begleitet uns unser ganzes Leben. In vielen Dingen. Zu allen Zeiten. Aber kennen wir den Kern der Liebe, die wahre Essenz? Und welche Formen gibt es? Es ist aus meiner Sicht der Mühe wert, hierüber nachzudenken.

Ist Lieben eine Fähigkeit?

Nüchtern ausgedrückt ist die Liebe zunächst einmal eine Bezeichnung für starke Zuneigung und unendlicher Harmonie. Sie tritt manchmal spontan auf und oft entwickelt sie sich erst über einen gewissen Zeitraum. Das gilt nicht nur für die partnerschaftliche Liebe. Fällt uns die Liebe dabei rein zufällig in den Schoß? Oder ist sie eine Fähigkeit, die beherrscht und erlernt werden will, die von jedem Menschen mit Einsatz der ganzen Persönlichkeit entwickelt werden kann?

Wenn wir grundsätzlich über die Liebe und ihre Bedeutung nachdenken wollen, dann ist es aus meiner Sicht wichtig, das Lieben als eine Fähigkeit und nicht als zufälliges Objekt zu betrachten. Wenn wir lernen wollen zu lieben, sollten wir mit der gleichen Konzentration, Geduld und Disziplin vorgehen, wie wir das beim Erlernen eines Musikinstruments, eines Handwerks oder einer Sprache tun würden.

In unserer westlichen Gesellschaft geht es aber oft eher darum, wie man es erreicht, geliebt zu werden, statt lieben zu können. Um zu diesem Ziel zu gelangen, werden verschiedene Wege verfolgt, möglichst attraktiv zu sein. Erfolg, Prestige, Geld und Macht halten wir für sehr erstrebenswert. Aber wir bemühen uns so gut wie nicht darum, die Fähigkeit des Liebens zu erlernen.

Formen der Liebe

Liebe wird oft als Bindung an eine bestimmte Person bezeichnet. Aber ist sie nicht viel grenzenloser, als wir uns das vorstellen können? Kann sie nicht vielmehr eine grundsätzliche Haltung sein, die sich auf die gesamte Welt bezieht? Wenn ich einen Menschen liebe, so kann ich doch auch den Menschen an sich lieben. Und mit ihm die ganze Welt, das ganze Leben und auch mich selbst. Im Folgenden möchte ich die Unterschiede der verschiedenen Formen aufzeigen.

  • Liebe zu allen Menschen / Nächstenliebe

Mit der Liebe zu allen Menschen ist ein Verständnis für Respekt, Fürsorge, Achtung und Toleranz gemeint, das jedem anderen Menschen gilt. Es ist eine Form, die auch als Goldene Regel ausgedrückt wird: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Dieses Sprichwort gilt als universelles Moralprinzip für die Gesellschaft. Es beschreibt eine kluge Lebenseinstellung in der goldenen Mitte mit der Erfahrung der menschlichen Solidarität. Der Blick wendet sich dabei auf den inneren gemeinsamen Kern und nicht auf die äußerlich erscheinenden Unterschiede.

Liebe als Haltung
Liebe zu allen Menschen, Quelle: Shutterstock.com
  • Mütterliche Liebe

Als mütterliche Liebe wird die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern bezeichnet. Besonders eine durch die Geburt hervorgerufene starke Gefühlsbindung. Die Liebe der Mutter zu ihrem Kind ist in einer idealen Welt bedingungslos. Eine Liebe, die nichts für sich will, sie gibt. Das Kind erfährt sie als: Ich werde geliebt, weil ich bin. Das Kind braucht nichts zu tun, um geliebt zu werden, denn Mutterliebe ist keinen Bedingungen unterworfen.

  • Erotische Liebe

Bei dieser Form handelt es sich um ein Verlangen nach der Vereinigung mit einer anderen Person. Eine Liebe mit starker Anziehungskraft, die nicht nur ein körperliches Verlangen ist. Sie ist ein Streben nach Vereinigung. Wenn die erotische Liebe aber ein rein körperliches Verlangen ist, dann führt sie nur zu einer Einheit mit temporärer Vereinigung. Das meint, dass wenn eine erotische Liebe nur äußerlich stattfindet, fehlen innere Werte, die eine intime Vereinigung erst möglich machen.

  • Selbstliebe

Die Selbstliebe meint die Annahme seiner eigenen Person in Form einer uneingeschränkten Liebe zu sich selbst. Selbstliebe ist dabei nicht das gleiche wie Selbstsucht oder Egoismus. Selbstliebe ist vielmehr die Grundlage dafür, alle Menschen lieben zu können. Wenn ich mich selbst akzeptiere und so liebe wie ich bin, dann erzeuge ich eine stabile Zufriedenheit, die es mir auch ermöglicht, andere so annehmen zu können und zu lieben, wie sie sind. Es besteht also kein Widerspruch zwischen der Liebe zu sich selbst und der Liebe zu anderen. Die Liebe zu mir selbst ist eng verbunden mit der Liebe zu allen anderen Menschen, da ja auch ich ein menschliches Wesen bin. Die Selbstsucht dagegen schließt jedes Interesse an anderen aus. Der Selbstsüchtige will alles für sich und interessiert sich nur für andere, wenn er etwas für sich erreichen kann.

„Hast du dich selbst lieb, so hast du alle Menschen lieb wie dich selbst. Solange du einen einzigen Menschen weniger lieb hast als dich selbst, so hast du dich selbst nie wahrhaft lieb gewonnen.“ (Meister Eckhart)

  • Liebe zur Schöpfung

Es könnte etwas geben, dass die Ursache alles Geschaffenen ist. In den Religionen bezeichnet man es als Gott. Man könnte es auch als die Schöpfung, das Allumfassende oder als die Urquelle bezeichnen. Die Liebe der Schöpfung zum Menschen wird als eine innige, unendliche und bedingungslose Liebe verstanden. Sie hat das Wesen der Mutterliebe inne, die keinen Bedingungen unterworfen ist. Der Aspekt der bedingungslosen mütterlichen Liebe erlaubt, dass ich auch die Schöpfung als eine allumfassende Mutter lieben kann. Ich vertraue darauf, dass sie mich lieben wird, egal was passiert. Was auch immer mit mir passiert, sie wird mir helfen. Und meine Liebe beschränkt sich nicht auf wenige Momente, sondern zeigt sich in meinem Handeln, meinen Emotionen und meiner Haltung gegenüber allen Menschen und der gesamten Schöpfung.

Entfaltung und Ausübung der Liebe

Nachdem wir uns die verschiedenen Formen und theoretischen Aspekte angeschaut haben, sehen wir nun die Herausforderungen, wie diese Fähigkeiten entwickelt und in die Praxis umgesetzt werden können. Als soziale Wesen sind wir geboren, um uns zu beziehen, auf andere, auf uns selbst, auf die Natur. Wir stehen in ständigem Austausch mit unserer Umwelt. Die Frage ist, wofür entscheiden wir uns im Leben? Für Sicherheit, Spaß und Haben oder für Sein, Glück und Lieben. Was erzeugt wirkliche Freude in uns? Eine Entscheidung, worüber sich nachzudenken lohnt (siehe Artikel: Einladung zur Freude).

Es geht um das Erkennen der heutigen gesellschaftlichen Bedingungen. Sie sind real, aber sie müssen nicht zwingend das Erstrebenswerteste sein. Worum geht es in der heutigen Gesellschaft? Ist das alles nicht sehr oberflächlich? Fehlt bei allem Streben nicht das, was mehr Substanz hat und uns langfristig zufriedener machen kann? Können wir uns nicht auf Werte des guten Miteinanders zurückbesinnen?

Und hier kann die Arbeit des Entscheidens einsetzen. Nehme ich eine passive Haltung ein und lasse mich von der Gedankenlosigkeit bzw. meinem ständigen gedanklichen Monolog treiben? Oder übernehme ich selbst die Kontrolle mit einer aktiven Haltung der Liebe und übe mich in Gelassenheit, Respekt, Verständnis und Toleranz? Das ist schwer, kostet Mühe, Empathie und Selbstüberwindung. Aber wir haben die Freiheit und damit die Wahl.

Ich glaube an die Möglichkeit der Liebe als gesellschaftliche Erscheinung und nicht nur als eine individuelle Ausnahmeerscheinung.

Quellen & Inspirationen für diesen Artikel: Erich Fromm (Die Kunst des Liebens), David Foster Wallace (Das hier ist Wasser)

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