Freude ist ein positiv besetzter Begriff. Wir wünschen uns alle Freude in unserem Leben. Aus dem Innersten unserer Existenz heraus erstreben wir nichts als Freude und Zufriedenheit. Denn mit Freude sehen wir das Leben leichter und es geht uns einfach besser. Da stellt sich die Frage, was ist Freude überhaupt? Was genau empfinden wir im Zustand der Freude? Und vor allem, wie können wir ihn erreichen? Das möchte ich gerne verstehen und lade dich herzlich dazu ein, mich auf diesem Weg der Freude zu begleiten.

Unterschied von Freude und Vergnügen

Beginnen wir mit dem Verständnis von Freude. Man könnte die Freude als angenehmen Gemütszustand bezeichnen. Für ein besseres Verständnis hilft oft auch die Abgrenzung zu anderen Begriffen. Beispielsweise zwischen Freude und Vergnügen. Die Unterscheidung ist wesentlich. Vergnügen könnte man dem üblichen Sprachgebrauch folgend als kurzlebige Befriedigung eines Verlangens bezeichnen. Dies kann gesellschaftlicher Erfolg sein, eine Gehaltserhöhung, die Lotterie gewinnen, Achterbahn fahren oder ein euphorischer Zustand, der durch Alkohol oder Drogen entsteht. Gekennzeichnet ist dies durch ein Gipfelerlebnis, welches die Botenstoffe Dopamin und Endorphin ausschüttet. Weil diese Stoffe wie ein Aufputschmittel wirken und positive Gefühle auslösen, werden sie im Volksmund auch als Glückshormone bezeichnet. Unser Wohlbefinden steigert sich. Dieser positive Erlebniszustand hält aber nicht sehr lange an. Die Ausschüttung bzw. Wirkung der Botenstoffe im Gehirn lässt nach.

Im Vergnügungspark, Quelle: Unsplash.com

In einer hedonistischen Lebensauffassung wird dieses Vergnügen zum höchsten Ziel erklärt. Vergnügen, Spaß, körperliche und geistige Lust ist das höchste Gut für den Hedonisten. Es ist das Anzustrebende im Leben und Bedingung für ein glückliches Leben.

Der britische Psychologe Michael Eysenck vergleicht das hedonistische Verhalten mit einer Tretmühle (Hedonistische Tretmühle): Man arbeitet die ganze Zeit daran und bleibt doch am selben Platz. Darunter versteht man die Tendenz von Menschen, nach einem stark positiven Erlebnis relativ schnell wieder in einen emotionalen Normalzustand zurückzukehren. Wie in einem Hamsterrad versuchen wir neue Erlebnisse und neues Vergnügen zu schaffen, kommen aber letztendlich nicht von der Stelle. Wahre innerliche Freude stellt sich durch ständiges Vergnügen nicht ein. Auch wenn uns das durch Werbung & Co. suggeriert wird. Vielmehr werden die Dinge, die uns für kurze Zeit glücklich machen, schnell zur Normalität. Wir gewöhnen uns an das neue Level und infolgedessen steigern wir unsere Ansprüche immer ein bisschen mehr. Das anfängliche Vergnügen kann so auf Dauer keinen zufriedenen Zustand mehr erzeugen und es werden intensivere Erlebnisse gesucht.

Das Modell der hedonistischen Tretmühle erklärt, warum kurzfristiges Vergnügen oder auch mehr Wohlstand und Einkommen nicht in erwarteter Weise glücklicher machen (Easterlin-Paradox). Im Jahr 1978 kamen die Psychologen Philip Brickmann, Dan Coates und Ronnie Janoff-Bulman in einer Studie zu dem Ergebnis, dass 22 Lottogewinner kaum glücklicher waren als 22 Vergleichspersonen.

Wer kennt das nicht? Wenn ich erst mal meine Gehaltserhöhung bekommen, das Haus gebaut, das neue Auto gekauft oder das Studium abgeschlossen habe usw., dann werde ich endlich glücklich sein. Doch das zuerst eingestellte Glücksgefühl ist schneller wieder verflogen als gedacht. Nach einer gewissen Zeit fühlt man sich emotional wieder wie vorher. Aber wie können wir eine langfristig höhere Zufriedenheit erreichen?

Freude finden wir in unserem Inneren

Diese Frage bringt uns zu der eigentlichen Bedeutung wahrer Freude. Als angenehmen Gemütszustand bezeichnend, ist wahre Freude kein Gipfelerlebnis, das plötzlich endet, sondern eher ein Plateau. Wahre Freude baut sich langsamer auf und hält lange an. Sie ist nicht wie die Ekstase und das Feuer, sondern vielmehr wie die Glut. Und diese Glut entsteht nicht durch äußerliche Erfolge. Sie ist im Geist und im Herzen zu finden. Sie entsteht beispielsweise durch Liebe, Mitgefühl oder Großzügigkeit. Dieses tiefere Gefühl von Freude zeichnet sich durch die Erfüllung aus, die wir dabei spüren. Sie entspringt auf der Ebene des Geistes und kommt von innen. Die Sinnes- und Genussfreuden verlieren dann an Bedeutung.

Wenn wir uns jetzt vornehmen wollen, mehr Freude zu empfinden, dann ist das gar nicht so leicht. Denn wir können sie nicht einfach anknipsen oder mit fester Entschlossenheit erreichen. Sie ist vielmehr ein Nebenprodukt und entwickelt sich passiv. Laut Studien der Psychologin Sonja Lyubomirsky können wir Freude dadurch entwickeln, indem wir unsere Ansichten und Handlungen auf folgende drei Punkte hin überprüfen:

  • Die Fähigkeit, unsere Situation positiv zu sehen,
  • die Fähigkeit Dankbarkeit zu empfinden sowie
  • die Entscheidung, ob wir gütig und großzügig sein wollen.

Die Perspektive ändert alles

Die Situation positiv zu sehen bzw. unsere Perspektive auf das Leben zu ändern, ist tatsächlich Grundlage für unser Empfinden. Wenn wir unsere Perspektive wechseln, erfahren wir die Welt anders. Besonders hilfreich ist es, die Dinge dabei in einem größeren Rahmen zu betrachten, aus einer weiter gefassten Perspektive. Nicht nur aus unserer subjektiven und eingeschränkten Eigenwahrnehmung heraus, sondern von allen Seiten und aus einer gewissen Entfernung. Dann können wir unsere persönlichen Einschränkungen überwinden. Ein gutes Beispiel für diese Veränderung ist der sogenannte Overview-Effekt. Er wird von Raumfahrern beschrieben, die die Erde zum ersten Mal aus dem Weltall sahen.

Die Erde wird beschrieben als eine kleine blaue Kugel in der unendlichen Weite. Ohne vom Menschen gezogene Grenzen. Raumfahrer berichten davon, dass sie persönliche und nationale Angelegenheiten nie wieder so gesehen haben wie zuvor. Sie haben ihre Perspektive geändert. Sie erkannten die Einheit und Verbundenheit allen Lebens auf unserer kostbaren Erde. (Quelle: Doku: The Overview-Effect)

Overview Effekt
Die Erde aus dem Weltall, Quelle: Pixabay.com

Dankbarkeit, Mitgefühl & Großzügigkeit

Nicht nur das Wechseln der Perspektive hilft uns auf dem Weg zur Freude. Auch die Fähigkeit, Dankbarkeit empfinden zu können, ist ein weiterer Baustein. Dankbarkeit als Anerkennung dessen, was unser Leben ermöglicht und was uns im Leben begegnet. Es bedeutet, dass wir unsere Lebensumstände akzeptieren und begrüßen. Dass wir aufhören, unsere Schwierigkeiten zu sehen, sondern anfangen unsere Möglichkeiten zu sehen.

„Nicht das Glück mache uns dankbar, sondern die Dankbarkeit mache uns glücklich.“ (David Steindl-Rast)

Dass auch Mitgefühl und Großzügigkeit zur Freude beitragen, ist keine Überraschung. Wenn wir andere Menschen glücklich machen, dann erfüllt uns das auf eine ganz spezielle Weise mit einer tiefen Freude, die wir anders nicht erlangen können.

In einer Studie haben Richard Davidson und Brianna Schuyler Mitgefühl und Großzügigkeit als eine von vier fundamentalen Bestandteilen identifiziert, die unser langfristiges Wohlbefinden steuern. Im World Happiness Report der UNO erklären Davidson und Schuyler, die Qualität unserer Beziehungen zähle zu den aussagekräftigsten Anzeichen für Wohlbefinden. Großzügiges Sozialverhalten stärkt dabei die zwischenmenschlichen Beziehungen über alle Kulturen hinweg.

Abschließend können wir unter der wahren Freude also keinen vorübergehenden Zustand des Wohlbefindens verstehen, sondern vielmehr eine innere Erfüllung, die auf einer Vielzahl von Eigenschaften beruht. Darunter Dankbarkeit, Mitgefühl, Großzügigkeit sowie eine weiter gefasste Perspektive auf die Dinge.

Suchen wir die Freude also nicht nur für uns. Schenken wir sie auch unseren Mitmenschen. Ganz im Sinne des berühmten Gedichtes von Friedrich Schiller: An die Freude. Es beschreibt das Ideal einer Gesellschaft gleichberechtigter Menschen, die durch das Band der Freude und der Freundschaft miteinander verbunden sind.

Quellen & Inspirationen für diesen Artikel: Erich Fromm (Haben oder Sein), Douglas Abrams, Dalai Lama, Desmond Mpilo Tutu (Das Buch der Freude)