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Wahrheit – Eine Frage der Perspektive?

Heute möchte ich über die Wahrheit schreiben. Ein großer Begriff, der umgangssprachlich als die „Übereinstimmung von Aussagen mit dem Tatsächlichen“ verstanden wird (Duden). Die Schwierigkeit liegt allerdings darin, diesen Begriff mit einer konkreten Fragestellung zu verknüpfen und herauszufinden, was denn das Tatsächliche ist.

Es gibt verschiedene Wege das Tatsächliche herauszufinden. Der Naturwissenschaftler bedient sich hierbei seiner materiellen Messmethoden und eröffnet uns seine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Diese Herangehensweise hat den materiellen Zustand der Welt durchaus verbessert und großen Fortschritt ermöglicht. Aus unserem täglichen Leben wissen wir aber, dass unsere Wirklichkeitserfahrung umfangreicher ist als die Erfahrung, die uns durch wissenschaftliche Erkenntnisse eröffnet wird. Der Geist und die Seele (siehe 3.Artikel) bzw. der fühlende Mensch ist bei der materiellen Betrachtungsweise ausgeklammert.

Grenzen der Wissenschaft

In einer Erzählung des britischen Astrophysikers, Sir Arthur Eddington (1882-1944), werden diese Einschränkungen verdeutlicht. Die Hauptperson ist ein Ichthyologe (Fischkundler), der das Leben im Meer erforschen möchte. Nach jahrelangem Forschen hat der Ichthyologe so viele Fischzüge hinter sich, dass er ein Grundgesetz formuliert: “Alle Fische sind größer als fünf Zentimeter.“ Er formuliert dieses Grundgesetz deshalb, weil er in seiner Beute keinen Fisch gefunden hat, der kleiner als fünf Zentimeter ist.

Erfreut verbreitet der Ichthyologe dieses Grundgesetz in seinem Umfeld. Er wird von einem Kollegen darauf angesprochen, dass dies kein Grundgesetz sein kann, weil sein Netz viel zu grob ist und ihm die kleineren Fische durch die Maschen gehen. Unbeeindruckt entgegnet der forschende Ichthyologe: „Was ich mit meinem Fischernetz nicht fangen kann, liegt außerhalb fischkundlichen Wissens und dazu kann ich auch nichts sagen. Was ich nicht fischen kann, ist kein Fisch.“ Der Kollege sagt: „Wenn du auf dem Meer fischst, dann siehst du doch die vielen kleineren Fische, die durch dein Netz schwimmen können.“ Der Ichthyologe meint darauf: „Ja, die sehe ich. Aber das kann auch eine optische Täuschung sein. Ich glaube nur das, was ich messen kann.“ (Quelle: Reflections on Philosophy of Sir Arthur Eddington by A. D. Ritchie)

Grobmaschiges Fischernetz

Grobmaschiges Fischernetz, Quelle: Pixabay

Im übertragenen Sinne meint diese Erzählung von Sir Arthur Eddington, dass  das Netz der Naturwissenschaft nicht fein genug ist, um die ganze Wahrheit bzw. Wirklichkeit erfassen zu können. Aber was bedeutet „fein“? Ist dies nur eine Frage der festgelegten Vorbedingungen (5 cm) und des Bezugssystems? Oder ist es vielmehr eine Frage der Denkweise und der Erkenntnis, dass die Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Forschung stets nur halbe Wahrheiten bedeuten können.

Die wissenschaftliche Forschung hat großen Erkenntnisgewinn hervorgebracht. Zudem kann die Reduktion der Wirklichkeit auf das materiell Beweisbare auch vorteilhaft sein. Aber aus meiner Sicht ist es problematisch, die wissenschaftlichen Erkenntnisse als allumfassende und ganzheitliche Wahrheit zu betrachten. Das 20. Jahrhundert wurde leider von der Wissenschaft so geprägt, dass sich die Welt nur aus wissenschaftlich beweisbaren Dingen zusammensetzt. Dadurch ist uns der Zugang zu unserer eigenen Spiritualität zum Teil verloren gegangen. Spiritualität hat in diesem Kontext nichts mit der Kirche oder den Religionen zu tun, sondern es geht dabei um ein ganzheitliches Bewusstsein. Vor diesem Hintergrund möchte ich Meister Eckhart (1260-1328) zitieren:

“Achte Menschen, die versuchen die Wahrheit zu finden. Aber nehme dich in Acht vor Menschen, die sie gefunden haben.“


(Meister Eckhart)

Auch der spirituelle Mensch sucht nach Wahrheit. Er sucht seine Wahrheit in einer umfassenden Innensicht und erlebt sie in der Öffnung zum Ganzen. Dabei können die Wahrheiten des Wissenschaftlers und des spirituellen Menschen durchaus voneinander abweichen, und doch suchen sie Antworten auf dieselben Fragen. Diese Unterschiedlichkeit liegt letztlich in der Natur der Sache, legt doch die Wissenschaft die Gesetze der materiellen Welt offen und die Spiritualität die Gesetze der geistigen Welt.

Wahrheit liegt im Auge des Betrachters

Ein altes Gleichnis spricht von sechs blinden Gelehrten. Sie wurden von ihrem König dazu aufgefordert, einen Elefanten zu untersuchen und zu erforschen. Die blinden Gelehrten machten sich somit auf die Reise und wurden von Helfern zu einem Elefanten gebracht. Anschließend untersuchte jeder Gelehrte einen anderen Körperteil des Elefanten, beispielsweise ein Ohr oder ein Bein.

Zurück beim König berichteten sie über ihre Untersuchungen. Der erste Gelehrte hatte am Kopf des Elefanten gestanden und den Rüssel untersucht. Er sagte: „Ein Elefant ist wie eine Schlange“. Ein weiterer Gelehrter hatte die Stoßzähne untersucht und sagte: „Ein Elefant ist wie ein Speer.“ Der Dritte sagte: „Das stimmt nicht, ein Elefant ist wie ein welkes Blatt.“ Der vierte Gelehrte sprach: „Ein Elefant ist wie eine Wand.“ Er stand seitlich des Elefanten. Der Fünfte stand am Bein des Elefanten und berichtete: „Ein Elefant ist wie ein Baum.“ Und der sechste Gelehrte sprach: „Ich finde, ein Elefant ist wie ein Seil mit ein paar Haaren am Ende.“ (Quelle)

Die blinden Gelehrten und der Elefant

Die blinden Gelehrten und der Elefant, Quelle: Pixabay und eigene Darstellung

Die Gelehrten konnten sich nach ihren widersprüchlichen Aussagen nicht auf eine gemeinsame Antwort einigen. Jeder hatte seine individuelle Erfahrung gemacht und dadurch eine eigene Schlussfolgerung gezogen. Der weise König sagte zu Ihnen: „Ich bedanke mich bei euch für eure Antworten. Ich weiß nun, dass ein Elefant ein Tier mit einem Rüssel, der wie eine Schlange ist, mit Stoßzähnen, die wie ein Speer sind, mit Ohren, die wie ein welkes Blatt sind, mit einem Rumpf, der wie eine Wand ist, mit Beinen, die stark wie Bäume sind und mit einem Schwanz, der wie ein Seil ist. Ihr habt alle recht. Ein Elefant weist alle die von euch erwähnten Eigenschaften auf. Jeder von euch beschreibt einen Teil der Wahrheit, resultierend aus der eigenen Erfahrung. Und trotzdem liegt ihr alle falsch, weil euer eigenes Urteil nur auf einem Aspekt der Wahrheit basiert und nicht auf das Ganze angewendet werden kann. Nur wenn ihr den Blick für das Ganze habt, werdet ihr auch das Ganze erkennen und verstehen.“

Den Blick für das Ganze entwickeln

Diese Geschichte über die blinden Gelehrten und den Elefanten zeigt, dass die Wahrheit immer im Auge des Betrachters liegt, je nach gewählter Perspektive und Entwicklungsstand. Viele Menschen kennen dieses Gleichnis aus der Theologie. Hier wird es oft auf die religiösen Streitereien und Unvereinbarkeiten angewendet. Aus meiner Sicht kann diese Geschichte auch sehr gut auf sozial- und naturwissenschaftliche Thematiken übertragen werden.

Auf die Art und Weise wie die materielle Weltsicht ganz selbstverständlich geworden ist, sollte aus meiner Sicht auch die spirituelle Weltsicht ganz natürlich werden. Der Blick für das Ganze und die mit offenem Herzen entwickelte eigene Wahrheit kann Grundlage und Wegweiser für das menschliche Leben sein. Das heißt, nicht die ausschließliche Anerkennung einer bestimmten Weltsicht, Auffassung oder einer Lehre sollte maßgebend sein, sondern die gemeinsame und sich gegenseitig unterstützende Suche nach Erkenntnis, Fortschritt und ganzheitlicher Wahrheit. Mit Toleranz und Respekt gegenüber seinen Mitmenschen.

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